![]()
Im Interview zum ausklingenden Jahr 2011 gibt Marco Beckmann, Vorstand der Nanostart AG, einen Rückblick, berichtet über aktuelle Entwicklungen und nimmt zur Aktienkursentwicklung Stellung.
Herr Beckmann, ein turbulentes Börsenjahr neigt sich dem Ende zu. Die europäische Schuldenkrise und die hohe Volatilität an den weltweiten Kapitalmärkten haben das Vertrauen von Investoren und Anlegern getrübt. Wie war es für die Nanostart?
Das Börsenjahr 2011 war in der Tat sehr turbulent. Für börsennotierte Unternehmen ist die aktuelle Situation keineswegs leicht. Auch wir haben die steigende Unsicherheit unserer Aktionäre im vergangenen Jahr deutlich gespürt. Die Nanostart-Aktie musste hohe Kursverluste hinnehmen, und Anfragen und Reaktionen zeigen, dass das Vertrauen schwindet. Wenn wir nur die Entwicklung an der Börse betrachten, dann hatte die Nanostart kein gutes Jahr.
Und wie lief es auf der operativen Seite?
Grundsätzlich können wir operativ – und das muss man zunächst einmal vom Kursverlauf trennen – mit 2011 zufrieden sein: Wir sind wichtige strategische Partnerschaften eingegangen und konnten unsere Position als führender Investor im Bereich Nanotechnologie weiter stärken. Wir sind dabei unser Geschäftsmodell zu erweitern und uns stärker als Partner von Regierungen bei Nanotechnologie-Wagniskapitalfonds auszurichten. Das haben wir in diesem Jahr forciert. Durch das gemeinsame Investieren mit Regierungen in Nanotechnologie werden für uns künftig immer mehr planbare Erträge entstehen, und wir können Chancen bei gleichzeitiger Reduzierung der Risiken wahren. Die Schaffung der dazu notwendigen Strukturen ist etwas, was zunächst Vorleistungen in Form von Investitionen – Zeit und Personal – erfordert.
Wie hängt nun der Kursverlauf mit Ihrem operativen Geschäft zusammen?
Wir sind nicht unabhängig vom Börsenumfeld, aber das allein ist gewiss nicht entscheidend für den enttäuschenden Kursverlauf. Sicherlich gibt es Vorgänge bei einzelnen Beteiligungen, die zu diesem Kursverlauf wesentlich beigetragen haben.
Es wäre interessant, Ihre Sicht zunächst hierzu zu erfahren. Ist es die Entwicklung ihrer Beteiligung MagForce?
Die Entwicklungen bei MagForce haben sicherlich einen entscheidenden Einfluss auf den Kursverlauf bei der Nanostart. Bei dem Unternehmen kam es zu Verzögerungen, da der Kommerzialisierungsstart der NanoTherm Therapie für Hirntumore mehr Zeit in Anspruch genommen hat als geplant. Das hat sich nicht zuletzt auch im Aktienkurs des Unternehmens niedergeschlagen. Auch wir haben mit einem schnelleren Markteintritt gerechnet. Doch klar ist auch, dass Verzögerungen bei jungen Technologieunternehmen ja eher die Regel als die Ausnahme sind und keinerlei Aussagekraft über die Qualität der Technologie haben müssen.
Da die MagForce aber eine wesentliche Beteiligung von uns ist, ist mit deren fallendem Kurs auch gleichzeitig unser Nettoanlagenwert geschrumpft. Das ist der Summenwert aller Beteiligungen. Er wird vor allem von den Börsenwerten der beiden gelisteten Beteiligungen MagForce und ItN Nanovation dominiert. Alle anderen – nicht börsennotierten Beteiligungen – gehen nur mit ihrem Anschaffungswert ein, auch wenn sie inzwischen höher bewertet werden als zu unserem Einstiegszeitpunkt. Positive Entwicklungen und Wertsteigerungen unserer nicht börsennotierten Beteiligungen werden daher nach außen nicht unmittelbar sichtbar.
Wie steht es bei der MagForce?
Lassen Sie uns einmal die Fakten betrachten: Nach mehr als zwanzig Jahren Forschung und Entwicklung hat die MagForce die EU-Zulassung für die NanoTherm Therapie erhalten. Hirntumorpatienten können nun damit behandelt werden. Gesetzliche Krankenkassen beginnen, die Therapie zu erstatten. Die Therapie hat großes Potenzial und das Unternehmen verfügt über ein erfahrenes Management, das jetzt den richtigen Weg geht. Die Verstärkung des Teams um Herrn Dr. Jordan mit Frau Prof. Tawfik und Frau Salomon ist ein echter Glücksgriff für die Gesellschaft.
Nun wenden sich die führenden medizinischen Experten dem Thema zu, alleine das ist ein großer Erfolg. Weitere Anwendungsbereiche des Verfahrens werden erschlossen und vor wenigen Tagen wurde ein sogenannter „Letter of Intent“ mit Delrus, einem führenden Anbieter von Medizinprodukten in Russland, unterzeichnet. Auch für eine nachhaltige Finanzierung der MagForce gibt es bereits Optionen. Dies alles werte ich als die richtigen Signale und sehe das Thema MagForce nach wie vor sehr positiv.
Und wie geht es bei der MagForce weiter?
Bei der Zusammenarbeit mit unseren Beteiligungen verfolgen wir stets einen sehr aktiven Ansatz. Unsere Investment-Manager arbeiten eng mit dem Management der Unternehmen zusammen. In herausfordernden Situationen ist uns dies umso wichtiger. Im Falle von MagForce geht es beispielsweise darum, die Kosten zu reduzieren, bzw. das Kapital effizient einzusetzen, aber auch mit unseren Kontakten die Forcierung von Optionen mit strategischen Partnern voranzutreiben. Die Zusammenarbeit mit hochkarätigen Partnern wird meines Erachtens bei der MagForce in Zukunft ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein. Ich bin kein Freund davon, wenn junge Technologie-Unternehmen dem Glauben verfallen, dass sie alles selbst können und machen müssen.
Sie sprachen vorhin von der Erweiterung des Geschäftsmodells der Nanostart. Können Sie das erläutern?
Bisher haben wir in erster Linie direkt in die Unternehmen investiert. Dabei haben wir immer versucht, größter Investor zu sein, um unseren Beteiligungen nicht nur Kapital, sondern auch die entsprechende Unterstützung bei strategischen Entscheidungen oder Kommerzialisierungsthemen zu bieten.
Inzwischen forcieren auch immer mehr Regierungen die nanotechnologische Entwicklung im eigenen Land, weil sie den großen Wert der Nanotechnologie für Wirtschaft und Gesellschaft erkannt haben. Dazu legen sie entsprechende Programme auf, die zum Beispiel junge Nanotechnologieunternehmen fördern sollen. Dabei haben sich Wagniskapital-Fonds bewährt und dafür ist die Nanostart aufgrund ihrer Expertise der ideale Partner.
Nehmen Sie das Beispiel Singapur: Dort haben wir mit der Nanostart Asia eine Asset-Management Gesellschaft aufgebaut, die als Partner der Regierung über einen Fonds in Nanotechnologie-Ausgründungen in Singapur investiert, und das sehr erfolgreich.
Was ist der Vorteil der Fondsstruktur?
Hier entsteht – praktisch übergeordnet zu dem Teil des Portfolios, in den wir direkt investieren – ein zusätzlicher Wert für unsere Anleger. Mit der Erfolgsbeteiligung am Singapurfonds partizipiert die Nanostart Asia an dessen positiver Entwicklung. Die laufende Vergütung, die sogenannte Management-Fee, sorgt dafür, dass sich unsere singapurische Tochtergesellschaft selbst trägt. So entstehen losgelöst vom Portfolio eigenständige Werte. Dieses Erfolgsmodell wollen wir nun mit Russland in einem weiteren Markt etablieren.
Wie genau sehen Ihre Aktivitäten in Russland aus?
Wir wurden von der staatlichen Investmentgesellschaft RUSNANO und dem Gouverneur der Region Perm als Fondsmanager eines 50 Mio.-Euro-Nanotechnologie-Wagniskapitalfonds ausgewählt. Vor wenigen Wochen haben wir deshalb eine Asset-Management Gesellschaft mit Sitz in Moskau übernommen, die über die nötige Lizenz verfügt, um in Russland Fonds zu managen und jetzt als unsere Tochtergesellschaft, die Nanostart Russia Asset Management, firmiert. Der Fonds wird aktuell aufgelegt und markiert unseren Markteintritt in Russland. Daran haben wir in den letzten Monaten intensiv gearbeitet. Im nächsten Jahr werden wir die ersten Beteiligungen eingehen.
Wie bewerten Sie die Partnerschaft mit RUSNANO?
Mit RUSNANO haben wir – ähnlich wie in Singapur mit der Regierung – den aus unserer Sicht bestmöglichen Partner für einen Markteintritt gefunden. Die Gesellschaft verfügt über rund 10 Mrd. US-Dollar Kapital, das sie zur Förderung der Nanotechnologie in Russland weltweit investiert. Wir befinden uns hier in einer Situation, von der ich erwarte, dass die Nanostart in Zukunft sehr stark profitieren wird. Und darüber hinaus gibt es auch schon eine Reihe weiterer Anknüpfungspunkte, unter anderem auf Portfolioebene.
Sie meinen, dass RUSNANO im Frühjahr auch in Ihre Beteiligung ItN Nanovation investiert hat?
Richtig, das ist einer der Anknüpfungspunkte. RUSNANO hat sich als strategischer Investor an der ItN beteiligt. Die patentierte Nanokeramik der ItN wird unter anderem als Beschichtung in Kraftwerken und Gießereien verwendet, um in industriellen Prozessen, bei solchen, die unter hohen Temperaturen ablaufen, Anbackungen zu vermeiden. Dazu hat die ItN aktuell gemeldet, dass RUSAL, der weltgrößte Aluminiumproduzent, eine spezielle Beschichtung der ItN für Gussformen erfolgreich getestet hat. Jetzt wird der Einsatz im Großmaßstab bei RUSAL geprüft.
Wie läuft es in der zweiten Produktsparte der ItN, den keramischen Flachfiltern?
Die keramischen Flachfilter der ItN werden zum Beispiel für die Abwasserklärung sowie die Vorfiltration im Bereich Umkehrosmose bei der Trinkwassergewinnung eingesetzt. Das Unternehmen hat im ablaufenden Jahr einen wichtigen Schritt getan. Wie die Gesellschaft vor wenigen Wochen veröffentlicht hat, wurde ein Joint Venture mit dem saudi-arabischen Partner Juffali und einem Konsortium aus deutschen Industrieinvestoren im Bereich der Vorfiltration von Trinkwasser vereinbart. Ich persönlich halte das Joint Venture und das dahinter stehende Geschäft in Saudi Arabien für eine der spannendsten aktuellen Entwicklungen in unserem Portfolio überhaupt.
Das müssen Sie genauer erläutern.
Das Thema Wasser ist in Saudi Arabien von hoher Relevanz. Zudem hat ItN mit der Juffali-Familie, einer der einflussreichsten Industriellenfamilien des Nahen Ostens, den idealen Partner an seiner Seite. Zu den Partnern von Juffali zählen Unternehmen wie Mercedes-Benz, Siemens, IBM oder Dow Chemical. ItN erhält im Rahmen des Joint Ventures vorab 2,35 Mio. US-Dollar für die Einbringung von Produktions-Know-how. In der gemeinsamen Etablierung von Produktionsstätten und den entsprechenden Vertriebsmöglichkeiten verfügt Juffali über mehr als fünf Jahrzehnte Erfahrung. Nicht nur auf Ebene der Nanostart, auch bei unseren Beteiligungen halte ich die Auswahl der richtigen Partner für einen wesentlichen Erfolgsfaktor.
Trotzdem wurde von der ItN in der vergangenen Woche die hälftige Aufzehrung des Grundkapitals vermeldet. Das klingt beunruhigend – was hat es damit auf sich?
Allerdings, das klingt sehr beunruhigend und hat deshalb für Aufsehen gesorgt. Diese Meldung hatte aber vor allem bilanzielle Gründe. Die kurzfristige Unterschreitung der Hälfte des Grundkapitals ist für ein wachsendes Technologieunternehmen, wie die ItN, deren Kapital vor allem ihr Know-how ist, nicht unbedingt ungewöhnlich. Sie muss aber nach Aktiengesetz gemeldet werden. Bei der ItN ist die hälftige Aufzehrung des Grundkapitals aufgetreten, weil Ausgaben für größere Projekte vorfinanziert werden mussten. Hiermit meine ich zum Beispiel das Joint Venture in Saudi-Arabien oder ein aktuelles Pilotprojekt mit sechs Containern in den USA. Die Patente, die nach unserer Einschätzung bei der ItN einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag an Wert ausmachen, lassen sich nach der konservativen deutschen Rechnungslegung nach HGB nicht oder nur zum Teil aktivieren.
Sie sprachen zu Beginn auch von wesentlichen Fortschritten in den Beteiligungen. Können Sie Beispiele geben?
Zunächst sehe ich die gerade beschriebenen Fortschritte bei der ItN Nanovation. Sehr gute Fortschritte macht sicherlich auch unsere Beteiligung BioMers, die wir über den Singapur-Fonds halten. Das Unternehmen hat einen transparenten Kunststoffdraht entwickelt, der vergleichbare physikalische Eigenschaften hat wie ein mit Metalldraht. Auf dieser Basis ist es möglich, Zahnspangen anzubieten, die praktisch unsichtbar sind. Wenn Ihr Gegenüber solch eine Spange trägt, fällt es Ihnen, wenn überhaupt, erst auf den zweiten Blick auf. Das ist das Ende der hässlichen Zahnspangen, mit denen sich Teenager auf der ganzen Welt heute noch herumschlagen und der Anfang des Siegeszuges der transparenten SimpliClear Spange von BioMers. Die Vermarktung im Heimatmarkt Singapur läuft, in den USA ist sie ebenfalls angelaufen. In ein paar Jahren wird SimpliClear auch in Deutschland erhältlich sein.
Auch unsere Beteiligung Namos will ihre Technologie, die bei der Herstellung von Automobilkatalysatoren erhebliche Edelmetallmengen einsparen soll, im nächsten Jahr an die ersten Kunden bringen.
Wird die Nanostart das Jahr mit einem Gewinn beenden?
Wir konnten ja bereits im Sommer die bisher besten Halbjahreszahlen veröffentlichen. Natürlich ist es bei einer Beteiligungsgesellschaft selbst kurz vor Jahresende schwierig, das genaue Ergebnis zu prognostizieren. Das hängt mit den jeweiligen Abschlüssen der Beteiligungen zusammen und ob der Wirtschaftsprüfer einen Abschreibungsbedarf sieht. Ich bin allerdings sehr zuversichtlich, dass wir auch dieses Jahr erneut mit einem guten Gewinn abschließen werden.
Vielen Dank Herr Beckmann.
















